Bäume

Quasikunstprojekt: Das biomechanische Ballett, Aktion im Wald, Fotoarbeiten und Text, 2015

 

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Das biomechanische Ballett, oder: I like Trees And Human Rights

 

Die Gruppe Quasikunst hat Kunst und Natur ausgepflanzt. Und sich selbst. Ein Interview mit der Quasikunstgruppe – über verkehrte Menschen, grüne Höllen, Biomechanik und Detoxing. Quasikunstprojekt: Das biomechanische Ballett, Aktion im Wald, Fotoarbeiten und Text von Tanja Brandmayr.

Zum ersten Bild: Verkehrt mit dem Kopf im Boden steckende Menschen inmitten eines Waldes. Worum geht es?

Es gibt viele Ansätze. Eine unserer Lieblingsreferenzen ist momentan ein Rückgriff auf eine Vorstellung Demokrits: Bäume sind demnach wie Menschen, die mit dem Kopf im Boden stecken – sie können alles, was Menschen auch können, außer das, wozu Menschen aufgrund dieser Lage auch nicht imstande wären. Das hört sich zunächst erheiternd an. Mit einem Schlag entstehen neue, enorm riesige und omnipräsente Populationen. Ganze grüne Höllen von intelligenten Lebewesen, die auf einen zuwachsen. Und man selbst als kopfstehender Steckling plötzlich ein Teil davon. Allerdings, und das ist gleich die erste Erkenntnis aus dem Versuch: Man kann tatsächlich wenig Herkömmliches tun, in einem menschlich aktiven Sinn, wenn man mit dem Kopf im Boden steckt …

Zum Beispiel fällt die Fortbewegung weg.

Ja. Der Sehsinn in seiner bisherigen Funktionalität fällt weg, auch die anderen Sinne sind eingeschränkt. Nichts geht mehr. Alles ist anders, die verkehrte Welt, mit viel Erde im Blick. Das Blut schießt in den Kopf. Man steht stumm und fix verwurzelt, mit Beinen in der Luft, ohne Möglichkeit auf Fortbewegung. Man denkt: Die Körperfunktionen müssten sich umorganisieren. Ein interessantes Gedankenspiel, sich in dieser Haltung zu fragen, ob was an dieser alten Vorstellung dran sein könnte. Der Baum als verkehrt in der Erde steckender Mensch.

Was macht dieses Gedankenspiel verfolgenswert?

So einiges, zum Beispiel: Man ist in unserer Wissenstradition immer davon ausgegangen, dass Pflanzen in der Hierarchie der Dinge und Lebewesen eigentlich nichts mit Intelligenz zu tun haben. Es scheint sich aber immer mehr herauszustellen, dass sie nicht nur dieselben Sinne haben wie Menschen, nur funktional völlig anders organisiert – letzten Endes haben Pflanzen sogar mehr Sinne, einen Gravitationssinn etwa. Mit ihren Wurzeln, die wie biochemische Computer arbeiten, tauschen sie in der unmittelbaren Umgebung und über weite Strecken Informationen aus, einzeln, in Gruppen, usw. In gewisser Weise stecken also ihre Köpfe wirklich im Boden … Es gefällt uns aber auch die neue Hybridbildung aus Mensch und Baum, die eine neue Waldpopulation, vielleicht eine neue Population überhaupt herstellt. Dieses Vexierspiel darin. Dazu kommt außerdem die Umkehrung des Menschen an sich, das Verkehrte. Diese Haltung erzeugt auch im Menschen etwas anderes. Hierzu eine Referenz aus dem tatsächlichen Ballett, wo der Kopf als höchste Sphäre definiert wurde. Der menschliche Geist wurde sozusagen auf die Spitze getrieben. Der romantische Gestus täuschte aber darüber hinweg, dass unterhalb des gen Himmel geschobenen Kopfes die pure Geometrie abgespielt wurde, mit Gliedmaßen, die in der Präzision einer Maschine ihre Positionen einnahmen. Mit dieser mechanischen Fixierung auf das »Geistige« wurde allerdings ohnehin schon seit der vorigen Jahrhundertwende abgerechnet, stattdessen kam die Hinwendung zum Körper, unter anderem. Die Behauptung der Auswirkung der Körperarbeit, genauer gesagt: einer anderen körperlichen Haltung, die erst innere Prozesse in Gang setzt, das ist innerhalb des Kunstsystems zweifelsohne eine Referenz an Wsewolod Meyerhold und seine Biomechanik, die mit dem Jahr 1920 datiert wird. Aber in gewisser Weise stellt dieses Projekt, quasi das biomechanische Bäumeballett, einen nochmals anderen Realismus her, denn der Körper wird sogar ganz umgedreht, und der Kopf taucht überhaupt ab – woandershin, unter die Oberfläche. Der Rumpf und die Extremitäten bilden einstweilen ihr eigenes Restsystem.

Der Button impliziert, dass ein Film losgeht.

Es ist ein Bild mit einem Button. Der ist aber genauso wenig abrufbar, als ob ich in einem Buch einen Link ins Papier setze, der allerdings nirgends hinführt. Als ob ich im Kommunikationsbedürfnis mit der Natur den Kopf in den Boden stecke. Etwas geht los und ist real vorhanden wie imaginär. Es ist sozusagen auch das fiktive biomechanische Ballett. Man könnte das alles bis zum Ende umsetzen – aber wozu? Wir wollen genau so etwas ja nicht losstarten – eben das nicht. Das läuft sofort wieder in die üblichen Verwertungsszenarien, egal welches Systems, hinein. Es gibt kein reales Bäumeballett. Wir setzen stattdessen bei Demokrit an, dem Naturphilosophen, angeblich mit einem heiteren Gemüt. Und bei Meyerhold, revolutionärer russischer Theaterregisseur, der sich mit seiner Biomechanik gegen einen erstarrten Naturalismus gewendet hat. Wir bitten sie sozusagen ganz unverbindlich zum Tanz. Wir wollen hier schlichtweg einmal die Widersprüche anders benennen. Vielleicht sogar eine andere Form von Dialektik aufwerfen, als gut angelegte Gegensätze, die vorerst einmal zu gar nichts führen. Insofern relativiert das jedwede Mystery zu einer schlichten Misery, weil es die reine Behauptung jenseits jeder Funktionalität offenlegt. Mit dieser Behauptungskette wurde das denkende Haupt schließlich sogar vergraben. Es ist jenseits der Oberfläche nicht mehr sichtbar. Der Kopf will sich stattdessen lieber in ein anderes Informationssystem, in das der Pflanzen einklinken. Alles ist also lediglich als Idee vorhanden. Der Wille dazu erzeugt zunächst einmal ein anderes Setting. Mehr soll und darf zunächst nicht passieren, um nicht gleich vorschnell ins Reguläre einzudriften. Auch nicht in die Definition als Kunst und seine regulären Aufmerksamkeitsoberflächen, von fine arts bis Spektakel. Es gibt hier Fragmente eines größeren Umsetzungszusammenhangs. Auch deshalb ist es in diesem Fall Quasikunst, die sozusagen an eine Aufmerksamkeits- und Realisierungsgrenze geht, die jedoch als Behauptung und Kontextanhäufung vorhanden ist. Es ist sozusagen auch Bedarsfbildung im Untergrund.

Die Gruppe Quasikunst ist eine Gruppe genau welcher Art?

Sie ist ganz eindeutig ein Kollektiv der anderen Art. Man könnte dieses Kollektiv konsequenterweise nicht nur als Gruppe, sondern ebenso als Quasigruppe bezeichnen. Denn sie erweitert sich zu einem offenen Gebilde, besteht aus lebenden und toten Menschen, vor allem aber aus Dingen und Zusammenhängen, aus Kunst, Wissenschaft und diversen anderen Referenzen. Und dieses Kollektiv besteht hier konsequenterweise auch aus Bäumen. Es definiert sich also auch aus den unter der Oberfläche anders wirkenden Verbindungen. Auch wenn das wie ein Scherz klingt, beschreibt das zum einen die Kritik an der, oder besser gesagt, jedweder menschlichen Zusammenrottung als einzige Legitimitätsmacht, zum anderen hält eine solche Offenheit, die sich auch aus hybriden Zusammenhängen versteht, das »Andere« definitorisch offen. Wir können das Andere ja philosophisch nicht feststellen. Hier wird sozusagen ein Kurzschluss vermieden. Noch genaueres ist in so einem hybriden Kollektiv irrelevant – auch wer hier wen befragt. Im Endeffekt geht es nur darum: Kontexthybride befragen die Zusammenhänge.

Und die Quasikunst?

Zuerst eine Anleihe an die Quasiobjekte: Nehmen wir beispielhaft den Wald. Er steht für die Natur draußen. Für unsere eigene innere Natur. Für ökologische Zusammenhänge. Er steht für heimische Holzwirtschaft und wirtschaftliche Ausbeutung des Regenwaldes. Für Maschinen, Rodung und Waldsterben. Für den dramatischen ökologischen weltweiten Zusammenhang. Andererseits wieder: Regenwalddokumentationen und unentdeckte Pflanzenwirkstoffe, an denen die Pharmazie interessiert ist. Andere Wirkstoffgeschichten, die von dort lebenden Schamanen erzählt werden. Gleichzeitig werden in der Forschung Pflanzen als biomechanische Computer erkannt. Pflanzen und Wald werden wieder stärker mit der heilenden Wirkung der Natur verbrämt. Im Wald werden Detoxingurlaube angeboten, wo man kurz mal nicht digital kommuniziert. Erholung und Erbauung. Im Szenario der aufdämmernden ökologischen Katastrophe kommt also dieses Fakt dazu, dass der Wald überhaupt wieder als kulturelle Projektionsfläche herhalten muss: Das Sehnsuchtsbild wird auch zur großen Melancholie über die Zerstörung. Es boomt die thematische Verschränkung Kunst und Natur. Jedenfalls: Wald und Baum sind hier, unter den Oberflächen der regulären Organisationsformen des Wissens, unter seiner Klassifizierung als Natur also in ihrer Mischwesenhaftigkeit der Kontexte, zu Quasiobjekten geworden; Quasiobjekte sind, mit dem Philosophen Bruno Latour, gesprochen eigentlich fast alle Dinge um uns, die sich als Hybride von hauptsächlich Natur und Technik, aber generell von Kontexten und Verwertungszusammenhängen erweisen. Also dies alles als Anleihe dafür, dass sich unter den Oberflächen ganz andere Gegensätze zeigen. Und dass sich möglicherweise diese Gegensätze zu ganz anderen »ungereinigten« Realitäten verbinden.

Der Begriff der Reinigung ist wichtig?

Dies ist ebenso eine wörtlich genommene Anleihe. Ohne Reinigung läuft in unseren Systemen gar nichts. Das hat mit der definitorisch »reinigenden« Wirkung unserer Systeme und Wissensysteme zu tun. Unter der Oberfläche breiten sich die Zusammenhangs-Hybride jedoch ungehindert aus, wahrscheinlich »ungereinigt«. Es bilden sich so gesehen Kontexte, die wahrscheinlich auch wegen ihrer immer dichter gewordenen Verwertungszusammenhänge unheimlich werden. Allerdings funktioniert auch eine reale Reinigung, im Sinne eines »Stimmens« und der Glaubhaftigkeit der gesellschaftlichen Werte, über der Oberfläche, also in den realen sozialen Kontexten immer weniger. Die Komplexitäten sind groß und unmoralisch: Ein gesellschaftlicher Backlash ist so gesehen Ausdruck einer Komplexitäts-Säuberung, der verzweifelte Rückgriff auf eine einfache Welt. Wir kennen diese Dynamiken. Globale Fiaskos inklusive. Ein aktuelles, aber wenig bekanntes Detail einer buchstäblich gewordenen Reinigung und ihrer massiven Diskrepanzen: In Asien sitzen etwa Arbeiterinnen an den Computern und entfernen die nicht so schönen Inhalte aus dem Internet. Nicht selten sind posttraumatische Belastungsstörungen die Folge – damit wir schöne Oberflächen konsumieren können.

Die Reinigungsmechanismen, die wir real praktizieren, scheinen an allen Ecken und Enden überhaupt nicht mehr zu funktionieren?

Obwohl wir hier in der großen Sauberkeit leben, funktioniert auf die brisanteste globale Weise beim Umweltschutz die »Reinigung« gar nicht. Es zeigt sich im Gegenteil überdeutlich, dass sich die ökologischen Unzumutbarkeiten drastisch in die menschlichen Verhältnisse zurück hineinreklamieren könnten, ökologisch gesagt: Grüne Hölle strikes back. Und sie könnte gewinnen. In diesem ganzen schäbigen Ausbeutungsszenario der Ausbeutungsmaximierung, der immer dichter werdenden Verwertung. Also beginnen die »Dinge« vielleicht, uns zu reinigen. Vielleicht ist das Kulturpessimismus. Man fühlt aber, dass nicht nur die äußeren, sondern auch die eigenen inneren Verhältnisse von Natur und Kultur überhaupt nicht mehr stimmen. Dass unsere schönen Oberflächen gefährlich geworden sind, für uns, für viele, zumindest für andere anderswo. Die hier deklarierte Quasikunst deutet darauf hin, dass, in diesen aufgeschichteten Zusammenhängen, die Kunst sich als ebenso zusammenhängendes Hybridsystem verstehen will, also sich selbst in diese auseinanderdriftende Welt der dystopischen Widersprüche eingebettet sieht; Kunst also zwischen Katastrophenszenario und Wunsch des ganz Anderen; und die Kunst will sich sozusagen anderer Mittel bedienen – die Dinge umschichten, umdrehen, die Gegensätze anders definieren.

Projekte, die sich zwischen Kunst und Wissenschaft ansiedeln, oder Labore, die im Kontext der Kunst Wissenschaft betreiben, sind Ausdruck dessen?

Eventuell ist es so: Man will die gefährlich gewordenen Zusammenhänge aus Wissenschaft, Macht und Markt entwaffnen. Irgendwie scheint es so, als wollte man die Kalaschnikow nicht auseinandernehmen, um sie wieder gereinigt und regulär zusammenzubauen. Sondern die »Reinigung« erfolgt stattdessen in einem intentionalen grundsätzlichen Umbau der Waffe. Inklusive des Einbaus von Verschmutzungsgraden durch das Involvieren des Systems Kunst. Das ergibt sozusagen eine ganz andere Reinigung, ein grundsätzlich anderes Detoxing. Also eine Entgiftung.

Wir kommen vielleicht zum zweiten Bild, zu den Bäumen und den Menschenrechten.

Der auf dem Anschlag zu lesende Satz ist: Ich mag Bäume und die Menschenrechte. Die Aussage nimmt nichts selbstverständlich. Der Satz setzt Natur, Kultur und das menschliche Maß wahrscheinlich vor allem gegeneinander ins Verhältnis. Obwohl zuerst diese Gleichsetzung des »Mögens« da ist: Ich mag Bäume und die Menschenrechte. Wahrscheinlich wirkt das zuerst sympathisch, nett und vereinbar. I like! Dann merkt man, dass wohl so eine lapidare Oberfläche der Willensbekundung in einer Gesellschaft der ausgeweiteten Kampfzonen in keiner Beziehung ausreicht. Weder bei den Bäumen, noch bei den Menschenrechten.

Inwiefern?

Wenn für »Das biomechanische Ballett oder: I like Trees And Human Rights« diese Figuren nun ausgegraben werden, Demokrit, der heitere Materialist, und Meyerhold, der russische Kunstrevolutionär, bzw. wenn man sich selbst in diese Konstruktion von Widersprüchen am Kopf stehend einbaut, quasi als Baumnatur und Kunstinszenierung zugleich, dann geht es natürlich um ein anderes Verhältnis von Kultur zur Natur, um andere Widersprüche. Mit einer quasi-Aufschichtung von ja/nein Verhältnissen von Kunst, Welt, Darstellung und Erkenntnissystemen. Das meint wohl auch, dass man die Welt radikal anders sehen möchte. Eine große Willensbekundung, mit der Hoffnung, dass wir, die Dinge oder unser Wissen über uns oder die Dinge bereits genug aufgeladen sind, um aus diesen Widersprüchen heraus anders tätig zu werden. Wir wollen eine neue Dialektik, wir wollen eine neue Wissenschaft. Vielleicht so: Keine zu Ende gedachten Weltentwürfe, keine Ausbeutung. Der Geist dominiert nicht, die Materie setzt nicht unter Druck. Insofern ist das jetzt wieder Mystery und Misery zugleich, denn wie das im großen Stil gehen soll, weiß niemand.