{"id":992,"date":"2022-10-28T08:20:56","date_gmt":"2022-10-28T06:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.quasikunst.at\/?page_id=992"},"modified":"2022-10-29T09:34:35","modified_gmt":"2022-10-29T07:34:35","slug":"alles-ist-verbunden-das-material-schreit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/alles-ist-verbunden-das-material-schreit\/","title":{"rendered":"Intermezzo: Alles ist verbunden. Das Material schreit."},"content":{"rendered":"\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Alles ist verbunden. Das Material schreit.<\/strong><\/p>\n<div class=\"=&quot;py-5&quot;\">\n<div class=\"text-xl leading-7 text-gray-800 mt-10 pr-5\">\n<p><strong>Vom tiefen Weltverst\u00e4ndnis. Da traut sich wer. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Tanja Brandmayr \u00fcber den Untergrund von 48 Hours Dis\/Con bei STWST48x8 DEEP.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>Dieser Text ist im Sept 2022 in der<\/em> <a href=\"https:\/\/versorgerin.stwst.at\/artikel\/08-2022\/alles-ist-verbunden-das-material-schreit\">Versorgerin 135<\/a> <em>erschienen, anl\u00e4sslich des 48-Stunden-Showcases der Stadtwerkstatt <\/em><a href=\"https:\/\/stwst48x8.stwst.at\/\">STWST48x8 DEEP<em>. <\/em>48 Hours Disconnected Connecting<\/a>.\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Before reading<\/strong>, see this <a href=\"https:\/\/stwst.at\/nik\/#9\"><strong>Deep Shit<\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"articletext py-5 mt-5 lg:mt-7 leading-7 text-gray-800\">\n<p>Tiof, diep, deop oder dubus: Etymologisch stammt \u00bbtief\u00ab in diversen Sprachen aus dem 8. Jahrhundert. Tiefe, als Wortbedeutung beschreibt: Gegensatz zur H\u00f6he, r\u00e4umliche Ausdehnung nach hinten, St\u00e4rke, Intensit\u00e4t, tiefes T\u00f6nen, Tiefgr\u00fcndigkeit, geistiger Gehalt, Gedankenwelt, Gef\u00fchlswelt, folglich auch \u00bbdas Innere des Menschen\u00ab. Im Namen von IT und KI k\u00f6nnte man vermutlich auch vom tiefen Weltverst\u00e4ndnis oder von Immersion sprechen. Im Zusammenhang der technischen Entwicklungen, der sozialen Steuerung bis Manipulation, den Interessen der Macht, wird Deep gerne als attributiver Zusatz auf die vermischten politischen, technologischen, kulturellen und sonstigen inneren Zusammenh\u00e4nge angewendet (Deep Politics, Deep State, Deep Fake, etc). Ebenso im k\u00fcnstlerischen Research bzw in einer kritischen Praxis hat sich die Verwendung von Deep auch dem Erkennen von Zusammenh\u00e4ngen jenseits bzw unter den bisher gekannten Oberfl\u00e4chen verschrieben, wobei das \u00bbunter\u00ab meistens im metaphorischen Sinn von Layers, von Tiefenschichten zu verstehen ist. Oft ist in den Gebrauch des Wortes Deep eine Ambivalenz eingeschrieben, oder ein Zynismus, manches Mal Ironie. In der STWST wahrscheinlich all dies plus einer Prise Erkenntnis eines Serious Deep Shits, der aus einem tiefen Humanismus gespeist ist, ganz klassisch auf die Abschaffung von Unterdr\u00fcckung ausgerichtet.\u00a0<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich habe im k\u00fcnstlerischen Research \u00fcber mehrere Jahre einen Ansatz von \u00bbungereinigten vermischten Zust\u00e4nden\u00ab unter den rationalen Oberfl\u00e4chen verfolgt: Dinge sind sozusagen unter den Zust\u00e4nden irrational, widerspr\u00fcchlich und \u00bbunsauber\u00ab vorhanden, und stellen sich in gewisser Weise vom Menschen\/der Zivilisation\/der Erkenntnis als hochgef\u00f6rdert und entrissen dar, wie hochgepumptes Erd\u00f6l noch nicht f\u00fcr diverse Zwecke \u00bbraffiniert\u00ab. Dieser Ansatz einer systemisch-k\u00fcnstlerischen Recherche behauptet Entit\u00e4ten grunds\u00e4tzlich anders, formiert sie gleichzeitig verbunden und unverbunden, definiert ein vermischtes Deep als noch nicht durch Erkenntnis gesichert und durch Anwendung \u00bberobert\u00ab, oder versteht es ganz generell schlichtweg einer Erkenntnis entzogen. Manches h\u00e4tte vermutlich auch nie im gro\u00dfen Stil an die Oberfl\u00e4che einer Verwertungskette gezerrt werden sollen, siehe Erd\u00f6l und die gro\u00dffl\u00e4chige Verfrachtung von Kohlenstoff aus den Tiefen des Planeten in die Luft, oder ist als systemisch vorhandene dunkle Ressource, sozusagen als negative Entropie \u2026 aber das f\u00fchrt zu weit. Manche, direkt auf den Menschen abzielende Entwicklungen des kapitalistischen Gesamtzusammen-hangs, rufen die innere Psychologie des Menschen selbst als Ressource zur Verwertung aus (ich empfinde vieles von dem, was l\u00e4uft, als Mind-Mining und Selbst-Fracking), als vermischte Forschung an einem inneren Betriebssystem des Lebens selbst, plus Direktanwendungsszenario.\u00a0<br \/>In ihrer am leichtesten zu durchschauenden Form ist das etwa Emotion als Rohstoff, siehe Aufmerksamkeits\u00f6konomie auf Social Media, oder auch: die klassische Verquickung einer gro\u00dfen Menge Daten und niederen Gewinninteressen. Viel komplexer verweben sich Entwicklungen in einer Erfahrung von unvereinbaren Widerspr\u00fcchen, die sich an den Individuen selbst auswirken, quasi als \u00bbeinzelmenschliche Erfahrung\u00ab. Diese Individuen liefern au\u00dferdem ihre \u2013 sagen wir \u2013 Gedanken, Gef\u00fchle, Reflexe direkt an Interessenkonglomerate ab, die in Machtzentrierung und Goldrush-Stimmung an einer expansiven Ausbeutung des Inneren arbeiten, bzw daran, dass alles, was quasi connected, angeschlossen und abh\u00e4ngig zur Verf\u00fcgung steht, seine Ausbeutung selbst erledigt. Andere Merkw\u00fcrdigkeiten wie Verschw\u00f6rungstheorien verschalten zus\u00e4tzlich ein vermeintlich tiefes Wissen \u00fcber irgendwelche alternativen Fakten und beliebig hergestellte Zusammenh\u00e4nge auf irre Weise, leider meist nur auf dumme Art destruktiv. Auch interessant, und nun wieder relevanter, sind die Zusammenh\u00e4nge einer Idee von so genannter Deep Culture und einer Surface Culture (genau: Symbol Eisberg) im Zusammenhang mit den Diskussionen um Cultural Appropriation. Diese zielen in ihrer Kritik auf eine oberfl\u00e4chliche und \u00e4u\u00dferliche Aneignung von Symbolen ab, die an sich mit tiefliegenden Werten verbunden, nicht einfach ins relativ bedeutungslose Verwertungssystem der Oberfl\u00e4chenkultur einverleibt werden sollen. Diese Diskussionen treiben oft bizarre Bl\u00fcten, haben aber reale soziale Untergr\u00fcnde, selbstredend Relevanz und betreffen ohnehin viele Effekte, etwa auch diejenigen der Aneignung von linken Strategien durch rechte Squareheads.\u00a0<\/p>\n<p>Wir finden uns in unruhigen Zeiten, oder wie es schon bei der Biennale Venedig 2019 hie\u00df: <em>May you live in interesting times<\/em> \u2013 entsprechend einem chinesischen Fluch. Die interessanten Zeiten haben in den letzten Jahren sichtbar an Fahrt aufgenommen. Die Auswirkungen und Verwerfungen einer superausbeuterischen Globalisierung, eines jahrhundertelang praktizierten Kolonialismus, einer Geschichte der Unterdr\u00fcckung oder auch einer hegemonialen Monokultur werden sowohl in ihren tiefen Zusammenh\u00e4ngen als auch entsetzlichen Widerspr\u00fcchen sichtbar \u2013 in mehr oder weniger \u00fcberraschend zutage tretenden Effekten. Zweifelsohne haben einige Errungenschaften unserer technologisch-konsumorientierten Sph\u00e4ren auch annehmliche Seiten, in Bezug auf die jahrhundertelange Ausbeutung sogar degoutant annehmliche. Die technischen Entwicklungen sind tats\u00e4chlich atemberaubend. Was man aber sagen kann, bei aller Entwicklung, bei allen Potentialen: Ein allein smartes Weltverst\u00e4ndnis wird wahrscheinlich kaum ausreichen, diejenigen multiplen Desaster abzuwenden, die sich global aufbauen. F\u00fcr niemanden. Nicht einmal f\u00fcr diejenigen, f\u00fcr die die Times so interesting sind, dass sie neue Wunschdestinationen wie den Mars anvisieren. Zumal sie die realistisch gesehen wahrscheinlich leider doch hierbleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Connected und Disconnected. Das Material schreit. Vor einiger Zeit habe ich in Michel Houllebecqs Poetologie \u201aLebendig bleiben\u2018 gelesen: <em>\u00bbDas Universum schreit. Im Beton dr\u00fcckt sich die Gewalt ab, mit der er zur Mauer gepr\u00fcgelt wurde. Der Beton schreit. Das Gras wehklagt unter den Z\u00e4hnen des Tieres. Und der Mensch? Was werden wir \u00fcber den Menschen sagen?\u00ab<\/em> Die Stelle hat sich eingepr\u00e4gt. Michel Houllebecq leitet in seiner Schrift existenzielle Fragen des Lebens ein. Bei mir schlug das Schreien des Betons vermutlich deshalb ein, weil ein existenzielles Leiden auf unvorhergesehene, aber umso sichtbarere Weise in die unmittelbarste Umgebung eingedrungen ist: Als Brutalo-Total-Zusammenhang, der sich geradezu in alle Materialien einschreibt, nicht nur in das Leben der Menschen und das Sterben der schreienden Schweine und H\u00fchner, die sp\u00e4ter wiederum unter den Z\u00e4hnen der Menschen zermalmt werden, oder auch nur wegen \u00dcberproduktion weggeworfen \u2013 sondern auch in die Materialit\u00e4ten und Materialien rundum. In die Materien, die uns t\u00e4glich umgeben, sind diese Zusammenh\u00e4nge eingeschrieben, sogar in den Beton, in das Plastik, in den M\u00fcll, in all das, was als Liefer- und Produktionsketten t\u00e4glich seinem einzigen Sinn von Verwertung und Konsum zugef\u00fchrt wird \u2013 der Natur entrissen und in Form gezwungen. Der Beton schreit. <em>Und der Mensch? Was werden wir \u00fcber den Menschen sagen?<\/em> Schreit er? Im Widerstand gegen eine Welt, deren politische und vern\u00fcnftigen Inhalte derart misshandelt sind, schreit der Text die Frage: Wer hat noch das Recht zu sprechen, wer soll \u00fcberhaupt noch sprechen? Damit w\u00e4ren wir vermutlich am Golden Spike des Anthropoz\u00e4n-diskurses angelangt: bei einer Abschaffung des Menschen, des Subjekts, eventuell nur als Sprechort, vielleicht aber auch \u00fcberhaupt. Ich pers\u00f6nlich mag ja Adorno UND Latour und gedenke mir das demn\u00e4chst auf ein T-Shirt drucken zu lassen. Ich meine, es geht wohl insgesamt und nach wie vor um einen aufkl\u00e4rerischen, tiefen Humanismus, und jenseits von Eindimensionalit\u00e4t und Herrschaft geht es um Widerspruch, Verbundenheit, um Fragen der Materialit\u00e4ten, des Kontextes und des Textes.\u00a0<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang als letzte Frage: Was machen nun die K\u00fcnstler:innen? Wenn sie nicht am Kunstmarkt als Zombies herumtreiben, oder in den sozialen Hierarchien wie Karikaturen um die oberen R\u00e4nge k\u00e4mpfen, also lebende Tote sind \u2013 sehen sie sich nach der Erweiterung der Sph\u00e4ren um. Ich glaube, dass Fragen von Zusammenh\u00e4ngen, die nicht zuletzt Aussagen \u00fcber unsere eigenen Zust\u00e4nde der Existenz und Ko-Existenz machen, heute viele K\u00fcnstler:innen Fragen der Materialit\u00e4t und der Kontexte, eines Wissens und Erfahrens prim\u00e4r aufgreifen lassen. Oft findet sich ein k\u00fcnstlerischer Ansatz, der das Material nicht unbedingt (nur) in Expansion und Revolte darstellt, sondern in Verbindlichkeit, im Kontext, durchaus auch in einer Art widerspr\u00fcchlichen Empfindsamkeit, in Verletzlichkeit und Fragilit\u00e4t in Verbindung tretend. Bei <em>STWST48x8 DEEP, 48 Hours Disconnected Connecting<\/em> wollen wir im \u00dcbrigen nicht ein DEEP als Thema abarbeiten. Wir wollen die Systeme offenhalten. Denn es geht um gr\u00f6\u00dfere Umbr\u00fcche. Es geht um Solidarisierung. Und wir m\u00fcssen diese Solidarisierung \u2013 wie es aussieht \u2013 gr\u00f6\u00dfer und perspektivisch umfangreicher denken, als das eigentlich vorstellbar ist. Der Kontext schreit. Damit nun hier disconnected: Strom aus.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Tanja Brandmayr: http:\/\/brandjung.servus.at\/content\/werkschau<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Alles ist verbunden. Das Material schreit. Vom tiefen Weltverst\u00e4ndnis. Da traut sich wer. Tanja Brandmayr \u00fcber den Untergrund von 48 Hours Dis\/Con bei STWST48x8 DEEP.\u00a0 Dieser Text ist im Sept 2022 in der Versorgerin 135 erschienen, anl\u00e4sslich des 48-Stunden-Showcases der Stadtwerkstatt STWST48x8 DEEP. 48 Hours Disconnected Connecting.\u00a0 Before reading, see this Deep Shit Tiof, diep, deop oder dubus: Etymologisch stammt \u00bbtief\u00ab in diversen Sprachen aus dem 8. Jahrhundert. Tiefe,<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/alles-ist-verbunden-das-material-schreit\/\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1002,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-992","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=992"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/992\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1013,"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/992\/revisions\/1013"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1002"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.quasikunst.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}